Der Letzte macht das Licht an

20.04.2009 | München
Es muss kein Erdbeben oder eine Epidemie sein, um die Welt aus den Fugen geraten zu lassen. Bereits ein simpler Stromausfall kann die gewohnte Ordnung in Chaos verwandeln. Gefährlich ist die weit verbreitete Meinung: Irgendwer wird sich schon kümmern.

Hat man die aktuellen Bilder aus der Erdbebenregion in den italienischen Abruzzen vor Augen, mag die Aussicht auf einen Stromausfall zunächst wenig dramatisch klingen. Das Licht geht aus, der Fernseher streikt, und ein paar Leute bleiben im Fahrstuhl stecken. Ärgerlich zwar, aber noch keine Tragödie - vorausgesetzt, der Defekt wird schnell wieder behoben. Was aber, wenn der "Blackout" länger andauert und kritische Knotenpunkte betroffen sind?

Die Szenarien, die Rudolf Kreutzer vom Allianz Zentrum für Technik (AZT Risk & Technology) in seiner Studie zum Katastrophenschutz in Deutschland entwickelt hat, sind alles andere als banal. Nach seiner Auffassung könnte ein Blackout katastrophale Ausmaße annehmen, weite Teile des Landes und sogar Nachbarstaaten in Mitleidenschaft ziehen und zum Zusammenbruch von lebenswichtigen Systemen führen.

Wenn hier nichts mehr fließt, sieht es düster aus. Das Unglück im Unglück: Viele Menschen vertrauen blind darauf, dass dann schon irgendwer die Situation retten wird. Irgendwer.

Gefahr von Stromausfällen nimmt zu

Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit unterstreichen, wie real die Gefahr ist: Im November 2005 waren im Münsterland 250 000 Menschen bei kalten Temperaturen tagelang ohne Strom - Eisbildung hatte an Überlandleitungen zu automatischen Netzabschaltungen geführt. Im Emsland drohte ein Jahr später die Situation völlig außer Kontrolle zu geraten, nachdem Leitungen absichtlich abgeschaltet worden waren, um einen Großtransport gefahrlos abwickeln zu können.

Eine unvorhergesehene Kettenreaktion führte dazu, dass fast zehn Millionen Menschen in verschiedenen Regionen Europas 90 Minuten lang keinen Strom hatten. Fast wäre es zu einem lang anhaltenden, europaweiten Ausfall der Stromversorgung gekommen. In einer Untersuchung zur Sicherheit der öffentlichen Stromversorgung kam die Allianz 2006 zu dem Ergebnis, dass Stromausfälle in den nächsten Jahren in Deutschland an Zahl, Dauer und Ausdehnung erheblich zunehmen werden.

Mangelhaftes Krisenbewusstsein

Wusste man in früheren Zeiten noch relativ gut darüber Bescheid, wie man sich auf Notsituationen vorbereiten und in ihnen verhalten muss, verlassen sich die Menschen in industrialisierten Ländern heute gern auf andere. Kaum einer rechnet hierzulande ernsthaft damit, dass die Normalität abrupt enden, dass der Katastrophenschutz im Zweifel selbst ausfallen könnte. Kaum einer kümmert sich um existenzielle Vorsorge, um Selbstschutz und Selbsthilfe.

In der Regel fehlen in deutschen Haushalten Erste-Hilfe-Kenntnisse ebenso wie Lebensmittel- und Getränkevorräte für mehr als eine Woche. Meist gibt es auch nur eine Heiz- oder Kochgelegenheit - entweder strom-, öl- oder gasbetrieben. Fällt die aus, haben die meisten keine Ausweichmöglichkeit. Das Vertrauen in die Effizienz staatlichen Handelns ist an dieser Stelle noch sehr intakt. Die Allianz Studie kommt zu dem Schluss: "Die Verletzbarkeit der Gesellschaft ist größer als ihr bewusst ist."

Katastrophenschutz nur bedingt einsatzbereit

Aber: Nach heutigem Stand erscheint der Katastrophenschutz in Deutschland nur bedingt einsatzbereit. Da die verschiedenen Infrastrukturnetze durch Informations- und Telekommunikationstechnologie aneinander gekoppelt sind, könnte ein dauerhafter Zusammenbruch der Stromversorgung leicht zu einem flächendeckenden Systemversagen führen, ausgelöst etwa durch eine Naturkatastrophe oder auch klimabedingt durch die Beeinträchtigung der Kühlwasserversorgung von Kraftwerken wegen niedriger Flusspegel.

Die beste Maßnahme, um derartige Krisen bewältigen zu können, sieht Rudolf Kreutzer in Aufklärung und Information der Bevölkerung, etwa durch entsprechenden Unterricht an Schulen, in privater Vorsorge, Selbstschutz und Nachbarschaftshilfe. Privatpersonen, Gemeinden und Wirtschaftsunternehmen müssten sich auf die Bewältigung von längerfristigen Notständen vorbereiten, um sie nicht zu einer wahren Katastrophe werden zu lassen.

Umdenken statt verdrängen

Darüber hinaus sollten die Leistungsfähigkeit des Katastrophenschutzes erhöht, die Vielzahl von Hilfs-, Sanitäts- und Rettungsdiensten gestrafft und die Ausrüstung modernisiert werden, mahnt der Autor und regt an, wieder zentrale Depots für Decken, Kanister und Feldbetten einzurichten, Feldlazaretts bereitzustellen und die Notfall-Bettenkapazität in Kliniken auszubauen. Statt das "Unvorstellbare" zu verdrängen, plädiert der Allianz Report dafür, sich mit allen denkbaren Szenarien auseinanderzusetzen, um im Ernstfall über Handlungsoptionen zu verfügen

Quelle: Pressemeldung Allianz SE

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